#1: Was, wenn alles sein darf?

Über Wege, Wünsche und die Kunst, nicht entweder-oder zu leben

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„Wenn du Erfolg haben willst, kannst du nur eine Sache richtig machen.“
Diesen Satz habe ich oft gehört. In Podcasts. In Business-Büchern. Und manchmal auch von Bekannten – meist Männern. Ich solle mich fokussieren, um wirklich erfolgreich zu sein. Ganz auf PR und Marketing setzen. Oder ganz auf die Fitnessbranche. Aber bitte nicht beides. Denn sonst – so hieß es – könne das ja nichts werden.

Aber mein Leben sieht anders aus.

Ich mache PR. Ich unterrichte Yoga.
Ich schreibe Konzepte. Und ich schreibe Gedanken auf.
Ich liebe Sprache – auch auf Hindi. Und ich liebe Bewegung.
Ich engagiere mich ehrenamtlich. Und manchmal brauche ich einfach nur Stille.

Yoga hat mich gelehrt,

  • dass Klarheit nicht im Reduzieren liegt – sondern im Erkennen, was alles gleichzeitig wahr sein darf,

  • dass ich nicht zwischen Beruf und Berufung wählen muss,

  • und dass ich niemandem folgen muss – nicht einmal alten Überzeugungen.

Für mich war es nie eine Frage, ob das eine oder das andere. Im Gegenteil: Der Gedanke, mich auf nur einen Bereich zu beschränken, fühlte sich an wie eine Beschneidung meiner vielseitigen Persönlichkeit. Und es gab tatsächlich eine Zeit, in der ich es tun musste.

Die Pandemie legte alles lahm – auch meinen Unterricht. Was anfangs wie ein Durchatmen war, wurde mit der Zeit zu einem Gefühl des Verlorenseins. Mir fehlte etwas. Nicht nur der Sport – mir fehlten die Menschen. Die Inspiration. Die kreative Auseinandersetzung mit Körper, Geist und Präsenz. Ich fühlte mich wie eine vertrocknete Blume.

Also fing ich wieder an. Zuerst ganz leise – als Teilnehmerin in Kursen. Einfach wieder in Schwung kommen. Und dann, wie von selbst, sprach mich das Studio an: Willst du nicht wieder unterrichten? Ich sagte ja.

Und plötzlich stand ich wieder da – im Kursraum. Nach fast drei Jahren Pause. Und es war alles andere als leicht. Rechts und links fühlten sich auf einmal falsch an. Bewegungsintelligenz, die früher selbstverständlich war, musste sich erst neu sortieren. Aber es dauerte nicht lange – und ich war wieder drin. Wieder im Flow.

Heute weiß ich: Das Unterrichten ist kein Nebenjob. Für mich ist es ein Raum. Ein Raum für Verbindung, Tiefe, Reflexion. Ein Raum, in dem besondere Qualitäten sich entfalten dürfen. Warum also diesen Raum schließen?

Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt – und muss das auch gar nicht. Denn ich verstehe mich als Vermittlerin. Das ist eine meiner Essenzen. Wenn ich in dieser Rolle bin, fällt es mir leicht, mit Körper, Geist und Mensch in Kontakt zu treten – auf Augenhöhe, mit Offenheit und Respekt. Das Einzige, was weniger motiviert, ist die Bezahlung. Und deshalb wird es ein Hobby bleiben. Aber eines mit Seelenwert.

Und vielleicht liest das hier gerade eine Frau, die mit dem Gedanken spielt, noch einmal etwas Neues zu wagen. Die eine Ausbildung in sich trägt, die sie nie begonnen hat. Die Lust hat, zu leiten, zu gestalten, zu beraten – und nicht weiß, ob das „nebenbei“ erlaubt ist. Oder ob es zu viel ist. Zu spät. Zu verrückt.
Ich möchte dir sagen: Du darfst.

Du darfst viele Linien verfolgen.
Du darfst leise starten.
Du darfst zaudern und trotzdem gehen.
Und warte nicht drauf, dass dir jemand die Erlaubnis gibt –
gib sie dir selbst.


Anna-Maria